Ich war nie in einer Jesus Freaks Gruppe aktiv. Aber seitdem ich 1994 zwei Jesus Freaks kennengelernt habe, bin ich Sympathisant der Jesus Freaks-Bewegung und ein großer Fan und Dauergast des Freakstocks. Und auch, wenn sich das Festival über die Jahre verändert hat, so ist das Herz des Festivals geblieben, ja es scheint geradezu durch die Entwicklungen der letzten Jahren noch sichtbarer zu werden.

Am Anfang hat mich diese Jesus Freaks-typische Mischung aus einer heiteren Unbekümmertheit, die man auch leicht als pietätlos missverstehen konnte, und gleichzeitiger Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Bibel und ihrer Hauptfigur, fasziniert. Fernab jeglicher Tradition, Konfession und Konvention haben sich Menschen, die spürten, dass da an der Sache mit dem Jesus etwa Relevantes dran sein muss, zusammen auf die Suche gemacht. Frei nach dem Motto: Lieber vorwärts gehen mit dem Risiko hinzufallen, als ständig auf der Stelle zu treten und beständig einzustauben.

Als ich mich dann begann als Festivalfotograf zu engagieren, war ich fasziniert davon, dass bei Freakstock die sonst allgegenwärtige Zersplitterung der Jugendkultur in viele kleine Szenen zwar äußerlich nicht aufgehoben ist, aber: Alle Szenen sind bei Freakstock und feiern gemeinsam. Das hat etwas sehr Eigenes, irgendwie geradezu Versöhnliches und macht auch den friedlichen und freien Charakter des Festivals bis heute aus. Dazu passt auch, dass es innerhalb der Jesus Freaks Bewegung nicht die eine Lehrmeinung oder eine Wahrheit zu jeder Frage des Lebens, der Weltanschauung oder der Theologie gibt. Im Vordergrund steht das Zusammenkommen um diesen einigenden Jesus herum und das gemeinsame von ihm und voneinander lernen.

Von 2005 bis 2011 war ich dann ehrenamtlicher – wie alle Freakstock-Mitarbeiter Ehrenamtliche sind – Pressesprecher des Festivals und habe gemerkt, wie schwer dieses Phänomen »der versöhnten Vielfalt« für Journalisten zu verstehen ist. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie immer wieder die gleiche Geschichte über religiöse Punks schreiben wollten, die jetzt vielleicht noch aussehen wie Punks, aber in Wirklichkeit sich jeden Tropfen Alkohol verkneifen und ein ganz großes Problem mit Sexualität haben: Außen Punk – innerlich eine Art Alter Ego vom amerikanischen Ex-Präsidenten George W. Oder über die Jesus Freaks als Gemeinschaft der Supercoolen, gewissermaßen ein Club von frommen, alternativen Fashion Victims. Natürlich gibt es kein Klischhees ohne irgendeine Substanz, aber bei diesen Geschichten ist sie sehr dünn. Denn die Punks sind eine Minderheit unter vielen, eine Sexualpolizei sucht man vergebens und der individuelle Style ist letztlich egal. In Wahrheit ist Freakstock ein Ort an dem jeder willkommen ist und jeder so kommt, wie er ist. Und dass Jahr für Jahr so unterschiedliche Menschen zusammen kommen und alle gemeinsam eine gute, inspirierende Zeit haben, ist für mich das eigentliche Wunder des Festivals.

Die Idee von »100 Faces of Freakstock« ist es diese enorme Bandbreite von Individuen zu zeigen, die unter dem Banner des »Jesus Festivals« ein paar Tage im Sommer in der hessischen Provinz campen. Und so habe ich bei Freakstock 2011 auf dem alten Bundeswehr-Kasernengelände, das heute zur koptischen Kirche gehört, am Rande der Open-Air-Bühne – und bei schlechtem Wetter im Quit’n’Riot Club – meine Kamera aufgestellt und jeden der wollte, abgelichtet und einen kleinen Fragebogen ausfüllen lassen. Mit der tatkräftigen Unterstützung von Anne, Anna, Louise, Florian, Yves und Timm ist daraus dieser einzigartige Einblick mit 255 authentischen Portraits entstanden. Und gemäß dem Freakstock-Spirit kann man sagen: Jedes Portrait ist wertvoll. Jedes Portrait ist ein Ebenbild seinen Schöpfers. Jedes Portrait ist Freakstock.